Gottlob Wieser

18881973

Als Theologe und Pfarrer setzte sich Gottlob Wieser für eine religiös-soziale Neuorientierung der reformierten Kirche in der Schweiz ein. Von 1937 bis zu seiner Pensionierung 1954 war er Pfarrer der Kirchgemeinde Riehen-Bettingen. Während des Zweiten Weltkriegs nahm er dezidiert gegen die restriktive Flüchtlingspolitik der Schweiz Stellung.

Sohn des Gottlieb Wieser (Pfarrer) und der Lydia, geborene Vögelin. Heirat 1914 mit Hanna Martha Staehelin. Sieben Kinder.

Gottlob Wieser kam am 19. März 1888 in Hirzel (ZH) als erster Sohn von sieben Kindern des Ehepaars Wieser-Vögelin zur Welt. Nach dem achtjährigen Besuch der Dorfschule wechselte Wieser 1902 im Alter von 14 Jahren ans Humanistische Gymnasium in Basel, wo er im ‹Rebhaus› Unterkunft fand. Er schloss die Schule 1906 mit der Matura ab. Sein Vater Gottlieb (1860–1906), ein positiver Theologe, nahm im selben Jahr den Ruf als Direktor der evangelischen Armen- und Erziehungsanstalt Beuggen an, nachdem er während 19 Jahren das Pfarramt in Hirzel versehen hatte. Doch starb er am 6. Dezember 1906 unerwartet, woraufhin die Mutter mit den Kindern nach Basel zog. Wieser wurde Beistand seiner Mutter Lydia (1857–1933), die sich im Basler Frauenverein engagierte und 1907 die Führung der neu gegründeten Kommission für Frauenfürsorge übernahm.

Auf Wunsch der Eltern begann Wieser ein Studium der Theologie, das vor allem historisch ausgerichtet war und ihn während neun Semestern von Basel über Marburg nach Berlin führte. Nach dem Studium bekleidete er zwischen 1910 und 1913 ein Pfarramt in der kleinen Gemeinde Nussbaumen (TG). In diese Zeit fällt seine Hinwendung zur religiös-sozialen Bewegung, zu der er über Hermann Kutter (1863–1931) und Leonhard Ragaz (1868–1945) fand.

Wieser heiratete 1913 Hannah Staehelin, die älteste Tochter des positiven Kleinbasler Pfarrers Ernst Staehelin-Merian (1861–1949), der evangelisch-sozialen Kreisen angehörte. Als zweiter Pfarrer amtete Wieser von 1914 bis 1920 in Binningen (BL). Den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs begegnete er laut seinem autobiografischen Text ‹Lebenslauf› (1959), indem er das Evangelium tiefer verstehen wollte, was ihm durch die neuen theologischen Impulse seiner Studienfreunde Karl Barth (1886–1968) und Eduard Thurneysen (1888–1974) schliesslich gelungen sei.

Gottlob Wieser trat nie einer Partei bei. Sein jüngerer Bruder Fritz (1890–1952) hingegen machte politische Karriere: In den 1920er-Jahren von der SP zur Kommunistischen Partei übergetreten, war er von 1927 bis 1928 ihr schweizerischer Parteipräsident und gehörte 1928 dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale an. Gottlob Wieser war von 1920 bis 1937 Pfarrer der ausgedehnten Gemeinde Wattwil (SG) im Toggenburg, wo er vom sanktgallischen Kirchenrat zum Dekan ernannt wurde. Er setzte sich für die dortige Arbeiterschaft im Textilgewerbe ein und führte harte Auseinandersetzungen mit einflussreichen Personengruppen, die der Arbeiterbewegung ablehnend gegenüberstanden.

Im Januar 1937 wurde Wieser als erster Nichtbasler seit Langem zum zweiten Pfarrer der Kirchgemeinde Riehen-Bettingen gewählt. In dieser Funktion, die er bis zu seiner Pensionierung 1954 ausfüllte, war er für den Kornfeldbezirk zuständig. Während des Zweiten Weltkriegs setzte sich Wieser in der grenznahen Gemeinde für Flüchtende und von den Nationalsozialisten Verfolgte ein. Er nahm im ‹Kirchenblatt für die reformierte Schweiz›, das er von 1936 bis 1970 redaktionell betreute, Stellung gegen die restriktive Flüchtlingspolitik der Schweiz und informierte über Konzentrationslager. Unter seiner Führung entwickelte sich das Blatt in der Schweiz und im Ausland zu einer vielbeachteten Zeitschrift, die einem Laien- und Fachpublikum die dialektische Theologie Barths näherbrachte. Wegen seines sozialen Einsatzes für Flüchtende und als Seelsorger, der Herausgeberschaft des Kirchenblatts und seiner theologischen Tätigkeit im In- und Ausland verlieh die Universität Basel Wieser 1958 die Ehrendoktorwürde.

Gottlob Wieser starb am 15. Januar 1973 in Riehen.

Autorin / Autor: Felix Steininger | Zuletzt aktualisiert am 21.5.2022

Fakten

Gottlob
Wieser
19.03.1888 in Hirzel (ZH)
15.01.1973 in Riehen
Neunkirch (SH)

Artikel

Jahrbuch Riehen

Werke (Auswahl)

Zahlreiche Predigten Wiesers wurden veröffentlicht, unter anderem in der zwischen 1948 und 1971 erschienenen Zeitschrift ‹Riehener Predigten›.

Archive

Dokumentationsstelle Riehen

Wieser, Gottlob: Lebenslauf. In: Abdankung von Gottlob Wieser-Staehelin, 19. März 1888 – 15. Januar 1973. Unveröffentlichtes Dokument. Als PDF vorliegend.

Staatsarchiv Basel-Stadt

Sammlung biographischer Zeitungsauschnitte: 13 Zeitungsartikel.

Literatur

Jahrbuch z’Rieche

Thurneysen, Eduard: Pfarrer Dr. h. c. Gottlob Wieser. In: Jahrbuch z’Rieche 1974. S. 42–45.

Weitere Literatur

Basler Frauenverein am Heuberg (Hg.): feine maschen – starkes netz. Basler Frauenverein am Heuberg, 14. Februar 1901 – 14. Februar 2001. Basel 2002. S. 10f.

Kocher, Hermann: Wieser, Gottlob. In: Historisches Lexikon der Schweiz. URL: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/010915/2013-10-29/ (28.03.2022).

Kirchenräte der Evangelisch-reformierten Kirchen Basel-Stadt und Basel-Landschaft (Hg): Basilea Reformata 2002. Basel / Liestal 2002. S. 33, 335.

Mattmüller, Markus: Leonhard Ragaz und der religiöse Sozialimus. Bd. II. Die Zeit des Ersten Weltkriegs und der Revolution. Basel 1968. S. 12.

Raith, Michael: Das kirchliche Leben seit der Reformation. In: Bruckner, Albert (Hg.): Riehen – Geschichte eines Dorfes. Riehen 1972. S. 165–214, hier S. 195f.

Schürch, Franziska und Isabel Koellreuter: Porträt. Lydia Wieser-Vögelin. In: familea Basel (Hg.): Sozial- und Rechtsberatung für Frauen. 110 Jahre Frauenberatung Basel. Eine Chronik. Basel 2017. S. 8.

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