Diakonissengemeinschaft

Die Diakonissengemeinschaft Riehen wurde 1852 von Christian Friedrich Spittler gegründet. Im Fokus standen anfangs die Krankenpflege, die Unterstützung von notleidenden Menschen und das Leben der Diakonissen in der Gemeinschaft. Im Laufe der Zeit verlagerte sich ihr Schwerpunkt stärker auf die Schwesterngemeinschaft, die sogenannte ‹Kommunität›.

Gründungsphase

Christian Friedrich Spittler kaufte 1852 von Pfarrer Johannes Hoch die Liegenschaft an der Oberdorfstrasse 20 und gründete dort die Diakonissengemeinschaft Riehen. Spittler war Anhänger der aus dem Pietismus erwachsenen, antimodernistischen Erweckungsbewegung und Gründer zahlreicher ‹missionarisch-diakonischer Reichgotteswerke›.

Am 7. Oktober 1852 übernahm die damals 27-jährige Sr. Trinette Bindschedler (1825–1879) die Leitung der Diakonissengemeinschaft Riehen und weihte das Haus vier Tage später offiziell ein.

Die ideelle Grundlage dieser Gemeinschaft ist geprägt vom alten Pietismus. Spittler verfolgte mit der Gründung das Ziel, Frauen im Dienst der christlichen Lehre auszubilden und sie in einer ‹barmherzigen› Lebensführung zu schulen. Im Sinne des Pietismus ermöglichte die Diakonissengemeinschaft eine ganzheitliche ‹Lebens-, Glaubens- und Dienstgemeinschaft›. Die Schwestern orientierten sich an den drei evangelischen Leitmotiven: Gehorsam, Ehelosigkeit und Anspruchslosigkeit. Daneben stand die Ausbildung und Ausübung der Krankenpflege und der Seelsorge im Fokus.

Phase des Aufbaus und der Konsolidierung

Zusammen mit dem Arzt Martin Burckhardt-His, dem Pfarrer Johannes Hoch und drei weiteren Schwestern richtete Sr. Trinette Bindschedler 1852 im Wohnhaus der Diakonissen eine Krankenabteilung für Frauen ein. Burckhardt-His erteilte den Schwestern Unterricht in Anatomie, in der Verbandlehre und liess sie bei Sektionen und Operationen zuschauen. Den Unterricht in Bibelkunde, Glaubenslehre und Kirchengeschichte leitete zuerst Pfarrer Hoch, später übernahm Sr. Trinette Bindschedler den geistlichen Bildungsauftrag und ab 1875 dann der jeweilige Geistliche des Diakonissenhauses.

Zunächst beschränkte sich das Tätigkeitsfeld der Diakonissen – nebst dem gemeinschaftlichen Leben – auf die Führung der Krankenabteilung. 1870/71 wurde die Abteilung durch einen neuen Spitalbau an der Schützengasse 51 erweitert.

Bald schon arbeiteten die Diakonissen auch ausserhalb der hauseigenen Heilanstalt: Sie pflegten Alkoholkranke, wirkten in Bürger-, Kinder- oder Frauenspitälern mit, betreuten weibliche Gefangene und versorgten Mütter mit unehelichen Kindern. Unter der Leitung der Diakonissen entstanden die Kleinkinderschule und zahlreiche Kranken-, Alten- und Säuglingspflegeschulen. Die Diakonissen arbeiteten zudem in privaten Haushalten in der ganzen Schweiz. Einzelne leisteten ihren Dienst in den Stationen der Basler Mission in Ghana, Indien oder in anderen diakonischen Institutionen Europas.

Phase der Ausbreitung und Institutionalisierung

Nach 1900 gründete die Gemeinschaft zahlreiche Institutionen. Dazu gehörte beispielsweise die psychiatrische Klinik Sonnenhalde (1900), das Pflegeheim Moosrain und die Marthaschule (1938).

Die Schwesternzahl der Diakonissengemeinschaft erreichte 1942 mit knapp 600 Schwestern ihren Höhepunkt. Diese kamen aus der ganzen Schweiz und dem angrenzenden Wiesental.

In der Nachkriegszeit setzte der kontinuierliche Rückgang der Neueintritte ein. In der Folge mussten die Schwestern einige wohltätige Einrichtungen schliessen und langjährige Kooperationen mit Spitälern in der ganzen Schweiz aufgeben. Dadurch fielen auch die sogenannten ‹Stationsgelder› weg, welche die Schwestern für ihre Dienstleistungen erhielten. Diese Entwicklung belastete die finanzielle Lage der Gemeinschaft.

Nebst den Stationsgeldern und den beträchtlichen Einnahmen durch den regelmässig stattfindenden Basar, finanzierten ‹Gaben der Liebe› die Diakonissengemeinschaft. So kam sie in den Besitz von zahlreichen Liegenschaften, die sie als Schenkung erhielt, zu besonders günstigen Konditionen erwerben konnte, wie etwa 1928 die Sarasin’schen Güter, oder zumindest von Externen mitfinanziert wurden. Die Diakonissengemeinschaft gehört gegenwärtig zu den grössten privaten Grundbesitzerinnen der Gemeinde Riehen.

Phase der Neuorientierung

Mit dem Erstarken des Sozialstaats in den Sechzigerjahren traten staatlich subventionierte Institutionen stärker in Konkurrenz zu den Tätigkeiten der Schwesterngemeinschaft. Ihre geschwächte ökonomische Situation sowie der Rückgang der Schwesternzahl bewegte die Diakonissengemeinschaft zu einer grundsätzlichen Neuausrichtung ihres diakonischen Auftrags. 1973 trat sie das Spital an die Gemeinde Riehen ab und verlagerte ihren Schwerpunkt stärker auf das gemeinsame geistliche Leben: auf den Gottesdienst, die Gastfreundschaft, die Seelsorge und die Fürbitte. 2008 wurden der neue Namen ‹Kommunität Diakonissenhaus Riehen› und die geänderten Statuten der Diakonissengemeinschaft rechtlich verankert.

Noch im Jahr 2020 sind die dunkelblaue Tracht und die weisse Kopfbedeckung der Diakonissen in den Strassen von Riehen sichtbar.

Autorin / Autor: Luzia Knobel | Zuletzt aktualisiert am 18.6.2022

Artikel

Jahrbuch Riehen

Archive

Schweizerisches Wirtschaftsarchiv

In der Dokumentensammlung sind sämtliche Jahresberichte sowie Jubiläumsschriften und die Überblicksdarstellungen mit dem Titel ‹Eben Ezer› von Johann Jakob Kägi und Karl Stückelberger enthalten. Darin wird die Geschichte der ersten 70 Jahre des Diakonissenhauses aufgezeichnet.

Diakonissenhaus (Krankenhaus) Riehen. Dokumentensammlung: SWA H + I F 58.

Literatur

Jahrbuch z’Rieche

Baumann, C. P.: Das religiöse Riehen. In: Jahrbuch z’Rieche 2009. S. 9–17.

Hoch, Fritz: Diakonissenanstalt in Riehen. In: Jahrbuch z’Rieche 1963. S. 81–93.

Schnyder, Arlette: Zeitlosigkeit und Moderne im Diakonissenhaus. In: Jahrbuch z’Rieche 2010. S. 28–39.

Weitere Literatur

Kellerhals, Doris et al. (Hg.): Zeichen der Hoffnung: Schwesterngemeinschaft unterwegs. Basel 2002.

Raith, Michael: Gemeindekunde Riehen. 2. überarbeitete und aktualisierte Aufl. Riehen 1988. S. 141, 148.

Schnyder, Arlette et al.: Riehen – ein Portrait. Basel 2010. S. 342–346.

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